40 Jahre NWKV - Roland Niewerth
geschrieben von Kei Sallmon am 17.10.2021 in Kategorie News

Interview mit Roland Niewerth, Kendo 7. Dan

das Interview führte Alina Schiller

 

A: Wie kamst Du zum Kendo und wann hast Du angefangen?

R:  Angefangen habe ich 1984, ich gehöre ja nicht zur ersten Generation. Ich war gerade 16 Jahre alt und kam aus meinem historisch-kulturellen Interesse zum Kendo, weniger über die sportliche Schiene. Ich hatte mich mit der Geschichte Japans und den Samurai beschäftigt und stellte dann fest, dass es all die alten Disziplinen wie Lanzenfechten, Bogenschießen und Schwertkampf immer noch gibt. Ich habe dann den Deutschen Judo Bund angeschrieben, in dem Kendo damals organisiert war, und bekam die Adressen aller Vereine in Deutschland. Eine Woche später stand ich im Kölner Verein auf der Matte.

A: Wer war damals Trainer?

R: Das war Alfred Hennemann. Er war damals in der Nationalmannschaft und hat mich sehr gefördert. Später war ich dann auch im Uni-Training, dort leitete Yukio Shimizu das Training.

A: Wie sah die deutsche Kendo-Landschaft damals aus?

R: Als ich 1984 anfing, gab es schon alle größeren Vereine, jede Menge Turniere und Lehrgänge und allgemein eine gute Infrastruktur. In Köln war die Halle voller als heute, der Verein hatte um die 50 Mitglieder. Die höchsten Dan-Träger waren damals Alfred [Hennemann] mit dem 3. und Yukio [Shimizu] mit dem 4. Dan. Viele von damals sind heute noch aktiv: Monika Krämer war sehr früh dabei, in Düsseldorf waren es z.B. Thomas Zander und Herbert Cürvers, die dann sehr bekannt waren. In Wuppertal mit Rolf Thum, Remscheid mit Jochem Nover, Münster mit Norbert Krokowski und Leverkusen gab es auch schon Vereine. Ich habe jetzt aber bestimmt ein paar vergessen (lacht). Der DKenB formte sich dann, als man aus dem Judo Bund herauswollte, ich glaube, das war so um 1990 herum.

A: Gibt es Menschen, die Dein Kendo nachhaltig beeinflusst haben und denen Du danken willst?

R. Im Kendo lernt man ja immer voneinander, egal ob hochrangig graduiert oder Anfänger, das finde ich das Schöne an dieser Disziplin. Aber natürlich fallen mir besondere Menschen ein. Für meine ersten Jahre in Köln waren dies Alfred Hennemann und Yukio Shimizu. Sie sind meine „deutschen“ Kendolehrer. Einmal kam Alfred von einer Europameisterschaft zurück, bei der das deutsche Team im Finale gegen Frankreich gewonnen hatte. Dann saß er da mit seiner Medaille und wir haben gefeiert. Ich glaube, dass Alfred mich auch in die Wettkampfschiene bugsiert hat. Auch meinem langjährigen Teamkapitän Ralph Lehmann habe ich viel zu verdanken.

Dann meine beiden japanischen Lehrer Shiiya-Sensei und Sakai-Sensei, beides Polizei-Kendo Lehrer, die in Deutschland Bundestrainer waren. Ich bin den beiden in Deutschland hinterher gereist, um von ihnen zu lernen. Beide luden mich dann auch nach Japan zum Training ein.

A: Wie alt warst Du damals, von welchem Jahr sprechen wir?

R: Als ich Shiiya Sensei 1988 in Japan besuchte, war ich 20 Jahre alt. Er trainierte die Bereitschaftspolizei, das sind die Jungen, Starken, Gnadenlosen. Es gab zwei Trainingsgruppen, die jeweils zwei Trainingseinheiten pro Tag hatten und ein gemeinsames Asageiko [Morgentraining]. Da ich anders als die Polizisten nicht arbeiten musste, sagte mir Shiiya-Sensei, ich solle bei allen Einheiten mit trainieren, und somit hatte ich fünf Trainings pro Tag. Das war toll, aber ich hatte mir irgendwann so die Füße aufgerissen, dass ich einen Sonntagnachmittag einen Durchhänger hatte. Shiiya-Sensei bemerkte das und als ich ihm meine Füße zeigte – man konnte bei den einzelnen Rissen bis auf den Knochen kucken – hat er mir ganz fürsorglich jeden einzelnen Zeh mit Salbe behandelt und verbunden, so dass der Schmerz gelindert wurde und ich weiter machen konnte. Diese Fürsorglichkeit ist mir im Gedächtnis geblieben. Dass jemand der schindet, auch verarzten kann, das war mir neu (lacht). Seitdem haben wir Kontakt. Für mich ist er mein Japan-Vater, seine Frau ist meine Japan-Mutter, so schreiben wir uns immer in den Briefen und mittlerweile in den Emails.

Zwei Jahre später war Sakai-Sensei Bundestrainer. Er war, wie gesagt, ebenfalls Polizist und bei der Wasserpolizei, mit denen ich dann auch in Japan trainierte, nachdem er mich eingeladen hatte, dazu später. Sein Stil hatte mir sehr gefallen, und er brachte mir viele verschiedene Katas bei.

Diese Lehrer haben mein Kendo bis heute geprägt.

A: Sprichst Du eigentlich Japanisch?

R: Ich radebreche (lacht). Ich kann mich höflich vorstellen und nach der Uhrzeit fragen, meistens geht es ja um die Höflichkeit. Aber ich habe nie die Sprache studiert, der Zeitaufwand fürs Kendo war einfach zu hoch.

A: Allein durch das Kendo bekommt man meiner Meinung nach aber auch schon einen Einblick in die japanische Kultur, und etwas Japanisch lernt man auch.

R: Ich würde sogar noch weitergehen. Es gibt ja viele Japan-Begeisterte, die gerne das Land bereisen, Tusche-Zeichnungen lieben oder Mangas lesen. Aber DIE Eintrittskarte in die japanische Gesellschaft ist Kendo. Denn wenn man das ernsthaft macht, dann öffnen sich einem alle Türen.

A: Wie ist deine Erfahrung: Wird man als nicht-japanischer Kendoka ebenso ernst genommen wie ein japanischer? Kann man als Deutscher oder als Nicht-Japaner Kendo jemals so verstehen, wie es ein Japaner tut?

R: Man sollte, glaube ich, als Europäer nicht versuchen, Japaner zu werden. Auch nicht im Kendo. Aber dass Japaner gutes Kendo, auch wenn es von anderen Nationen kommt, anerkennen - von gewissen faschistisch geprägten Kreisen einmal abgesehen - daran gibt es keinen Zweifel. Sonst würden sie auch nicht jedes Jahr einen Bundestrainer schicken. Aber was bedeutet eigentlich „gutes“ Kendo? Ich glaube nicht, dass es den Japanern so sehr um Leistung geht, sondern mehr darum, ob jemand mit dem rechten Herzen dabei ist, ob sich jemand anstrengt, Kendo zu lernen. Ob er dabei Erfolg hat, ist eine ganz andere Sache. Diese Herzensbereitschaft, alles zu dulden und alles zu lernen, das wird anerkannt, und nicht, ob man damit Europameister wird.

A: An welchen Moment oder welches Treffen in Deiner Kendo-Karriere erinnerst Du Dich noch ganz genau, weil es besonders beeindruckend war und/oder Dir eine große Entwicklung gebracht hat?

R: Ich habe da gleich mehrere Momente. Auf den Wettkampf bezogen war das die Europameisterschaft in Lourdes 1998. Das war mein erstes Mal als Taissho [letzte Position im Teamkampf] und wir kamen ins Finale gegen Frankreich. Alle deustschen Kämpfer vor mir verloren 0:2. Ich habe mir dann gesagt: „Du kannst jetzt nur noch diesen Friedhof hinter Dir rächen, das ist der einzige Grund, warum Du jetzt da bist“. Und dann habe ich 2:0 gewonnen. Lourdes ist ja auch ein Ort, wo Wunder geschehen (lacht). Das hat nichts am Ergebnis geändert, aber solange der Taissho nicht geschlagen ist, ist das Team nicht geschlagen. Das war ein prägender Moment, wo ich mich bewähren musste und auch wollte.

A: Da hat sicher auch die Moral des Teams gehoben.

R: Ja. Das ging auch nur aus dem Team heraus. Wäre ich dem französischen Capitaine im Einzel begegnet, hätte ich bestimmt verloren.

Eine weitere beeindruckende Begebenheit war mit Sakai Sensei in Japan, als ich seiner Einladung gefolgt war, um mit ihm bei der Wasserpolizei zu trainieren. Das waren alles junge Polizisten, 1. und 2. Dan, ein 5. Dan war dabei. Ich wollte drei Monate bleiben, und der Plan war, dass wir auch in den Keishi-chō Budokan gehen, also die Hölle von der Polizei. Das Schöne an der Hölle war, dass wir immer mit einem Polizeibötchen quer über den Hafen rüber fuhren. Das war viel schneller als mit der S-Bahn einmal um den Tokioter Hafen herum. Anfang der 90er war dies das beste Dojo in Japan. Mein Lehrer Sakai, 7. Dan Kyoshi, saß dort auf der Schülerseite, da wusste man direkt Bescheid, wie die Hausnummern verteilt sind. Zu dieser Zeit war Wettkampfvorbereitung und es gab dementsprechend viel Shiai-Training. Es kamen ständig Busse mit Polizisten aus anderen Präfekturen für die Gast-Shiai, und einmal kam sogar die kōgū keisatsu, die kaiserliche Garde, mit einem 10-Mann-Team vorbei. Die kōgū keisatsu machte ein begnadetes Kendo. Die traten dann gegen ein 10er-Team aus der Polizei-Hölle an. Da ich nicht mitmachen durfte, konnte ich mir alle Kämpfe angucken. Die kaiserliche Garde verlor 0:20 gegen diese in Stahl geschmiedeten Keishi-chō-Bullen. Und da dachte ich: „Wahnsinn. Obwohl die so ein klasse Kendo machen, haben die keine Chance gegen die Monster von der Keishi-chō!“ Und mit Monster meine ich diese tagein, tagaus wie im Mittelalter hart trainierenden Leute. Das war ein Fanal für mich, so etwas habe ich seitdem auch nie wieder gesehen.

A: Kannst Du festmachen, woran es lag, dass die kōgū keisatsu so haushoch verloren haben?

R: Ja, du kannst das gleiche Niveau haben im Kendo, aber im Shiai zu gewinnen, das ist noch einmal eine besondere Expertise. Sun Tsu sagt: „Die Alten nannten nicht die Krieger stark, die ihre Kämpfe gewannen, sondern die, die ihre Kämpfe mit Leichtigkeit gewannen!“ Als Historiker vergleiche ich das gerne mit Phänomenen aus der Geschichte: man weiß, dass 5% der Jagdflieger im Ersten Weltkrieg für 95% der Abschüsse verantwortlich sind. Bei Fliegern redet man von „Assen“. Wenn du nun auf so ein Ass auf der Kampffläche triffst, dann machst Du keine Schnitte. Das war sehr beeindruckend.

Eine dritte sehr beeindruckende Geschichte ereignete sich bei einem DKenB Jubiläum – ich weiß nicht mehr ob es das 20- oder 25jährige war – in Lindow mit dem ehemaligen Bundestrainer Hirano Sensei, den ich noch als 18-Jähriger Kendoka erlebt hatte. Herr Hirano ist nach seinem Polizeidienst an die Yagyū-Schule gegangen. Die Yagyū-Schule ist einer der ganz alten Schwertkampf-Schulen, die überlebt haben. Wir Kendoka machten gerade in einer der separaten Hallen unser Training, als Hirano Sensei mit seinem Schwert hereinkam und sich mit den Seitei-Iai [10 Grundformen] für seine Vorführung warm machte. Mein Kumpel René [Führen] und ich machten weiter unsere Kirikaeshi-Übungen, und im Augenwinkel sah man Hirano Sensei die Luft zerteilen. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich bemerkte, dass irgendwas nicht stimmte. Hirano Sensei machte seine Seitei-Iai wunderbar glatt und flüssig, seine Klinge pfiff durch die Luft – aber es war alles auf links, obwohl er Rechtshänder ist! Das heißt, das Schwert steckte an der rechten Seite, er hatte die rechte Hand unten am Griff, und machte trotzdem alles genau so glatt wie sonst, und zwar so perfekt, dass uns zunächst gar nicht auffiel, dass es spiegelverkehrt war! Das machte der nur zum Aufwärmen.

Eine sehr schöne Geschichte ist das Wiedersehen zwischen meinem Lehrer Sakai Sensei und mir. Wir hatten uns circa 10 Jahre nicht gesehen, als er mit einer Absolvententruppe der Musashi-Universität nach Deutschland und auch nach Köln kam. Im Training kam Sakai Sensei dann auf mich zu, drückte mir ein Bokuto in die Hand und sagte „Wir führen jetzt die Polizei-Kata vor.“ Wer etwas von Kata versteht, der weiß, dass man mit seinem Partner ein eingespieltes Team sein muss, wie beim Tanzen. Wenn man sich also 10 Jahre nicht gesehen hat, könnte das eventuell problematisch werden. Wir stellten uns auf, machten die Kata, und es war, als wäre es gestern das letzte Mal gewesen. Auch die japanischen Gäste lobten uns, und ich dachte nur, wie man bei uns sagt, „Alte Liebe rostet nicht“.

A: Gab es Punkte in deinem Kendo-Leben, an denen Du an Dir gezweifelt hast oder bspw. durch eine schwerwiegendere Verletzung pausieren musstest, und wie hast Du Dich wieder aufgerappelt?

R: Zunächst einmal: Krisen im Sinne von: man will nicht mehr, man kann nicht mehr, man tritt auf der Stelle, man verliert immer, man fällt durch die Prüfung – diese Art Krisen gehören beim Kendo dazu. Und wer nicht mal 10 Jahre auf der Stelle getreten hat, der weiß nicht was Kendo ist. Das Zweifeln an sich selbst – „Wieso können die anderen das, aber ich nicht?“ - das kennt jeder. Den bitteren Trunk der Niederlage zu schmecken, das kennt auch jeder.

Was mein Kendo geprägt hat waren definitiv auch meine Verletzungen. Ich bin vier Mal wegen Kendo operiert worden.

A: Was hast Du denn gemacht um Himmels Willen?

R: Ich habe, wie eben erzählt, den Lehrern nachgeeifert und mich allem ausgesetzt, was kam. Ein Großteil der Verletzungen entfallen auf das Knie, das hatte ich mir mal beim Wettkampf verletzt. Damals wusste ich es gar nicht genau. Heute weiß ich, es war eine Kreuzbandruptur. Ich war damals aber Soldat, und als Soldat darf man nur die militärische, ärztliche Versorgung wahrnehmen, die zu dieser Zeit schlecht war. So wurde meine Verletzung nicht richtig behandelt und ich habe sie über Jahre verschleppt. Das war bereits 1989, so dass ich von den 15 Jahren in der Nationalmannschaft 14 Jahre ohne Kreuzbänder abgeleistet habe. Das Kreuzband hält das Gelenk zusammen, und ohne Kreuzband passiert es also dauernd, dass das Gelenk bei Belastung ausbricht. Jedes Mal ein neues Trauma, wieder ein dickes Knie, wieder Schmerzen, wieder aussetzen, ein ständiges Damokles-Schwert über meinem Kopf in jeder Saison, ob das Knie wohl hält. Ich habe deswegen als Fahrrad-Kurier angefangen, um meine Beinmuskulatur zu stärken. Auch während meines 3-monatigen Japan-Aufenthaltes wurde ich wieder am Knie verletzt, weil mir ein 8. Dan einen unerlaubten Bodycheck mitgab, da musste ich leider früher nach Hause fahren. Als ich 2014 den 7. Dan bestanden habe, war genau dieser Lehrer, an dem ich zerschellt bin, Hauptprüfer, da schloss sich für mich ein Kreis.

Und noch eine schlimme Sache: Es stand die Europameisterschaft in Basel an, ich sollte Taissho sein. Das war Ende der 90iger. Letztes Training mit dem Bundestrainer: Ich hau ihm das Shinai aus der Hand und schlage Men, daraufhin macht er einen Polizeigriff-Feger mit mir, ich liege auf dem Rücken, Bein gebrochen. Ich war dann als Zuschauer auf Krücken bei der EM dabei, während mein Team unterging. Das dumme bei dieser Geschichte war einerseits, dass ich mir durch meinen Job als Fahrradkurier eine Wohnung in Köln hatte leisten können, lädiert wie ich war aber nun vorerst kein Geld mehr verdienen konnte. Nebenbei bemerkt war die Wohnung übrigens im 4. Stock und es gab keinen Aufzug (lacht). Noch schlimmer war aber, dass ich mich kurz zuvor bei der Polizei beworben hatte. Und jetzt hatte ich das Wadenbein gebrochen und eine 14cm lange Eisenplatte mit neun Schrauben im Fuß. Ich konnte diesen Test zwei Mal verschieben, ein drittes Mal ging nicht. Ich habe dann in Köln eine Reha mit Aufbautraining gemacht und bin eine Woche vor dem Test auf dem Unisportplatz die 2000m gelaufen, das war hart.

Der Schluss zu dieser Geschichte ist: die Verletzung und die Operation waren im Frühling, der Polizeitest im Sommer, und im Herbst bin ich dann Deutscher Einzelmeister geworden, samt dieser Platte im Bein, weil ich so die Faxen dicke hatte. Das war ein heftiges Jahr für mich.

Deine Frage war, wie ich da wieder rausgekommen bin und was mir geholfen hat. Bestimmt eine natürliche Sturheit, dann meine historisch geprägte Auffassung von Kendo, dass Verletzungen dazu gehören. Das war für mich klar. In anderen Sportarten ist so eine Verletzung vielfach das Aus.

A: Was möchtest Du jungen Kendoka mit auf den Weg geben?

R: Die Zukunft von unserem Kendo hängt vom Nachwuchs ab. Von meinem Blickwinkel als Lehrer und mit meiner Kendo-Erfahrung möchte ich den jungen Leuten folgendes mit auf den Weg geben:

1. Betätigt euch nicht nur sportlich mit dem Kendo, sondern auch historisch und ethisch. Kendo hat einen Background. Wer Kendo macht, muss die 7 Tugenden kennen, die zeigen, worum es eigentlich geht, und worauf nach japanischem Verständnis Kendo beruht:

- Gi (義): Aufrichtigkeit und Gerechtigkeit
- Yu (勇): Mut
- Jin (仁): Güte und Wohlwollen gegenüber allen Menschen
- Rei (礼): Höflichkeit
- Makoto (誠) oder Shin (真): Wahrheit oder Wahrhaftigkeit
- Meiyo (名誉): Ehre
- Chūgi (忠義): Treue oder auch Chū (忠): Pflichtbewusstsein oder Loyalität

Die sieben Falten des Hakama erinnern an die sieben Tugenden.

2. Kendo ist eine der wenigen Disziplinen, die man auch im hohen Alter machen kann. Das ist absolut faszinierend. Ich wünschte mir, dass die jungen Leute sich klar machen, dass jetzt das Fundament gelegt wird für ein Kendo im Alter. Schule, Studium, Beruf, Familie sind wichtig, man muss aber jetzt jede Gelegenheit nutzen. Denn wer hier nachlässig ist, der wird im fortgeschrittenen Alter die Freude an Kendo verlieren, weil das Fundament nicht da ist. Überlege immer, wie dein Kendo in 10 Jahren aussehen soll.

3. Kendo-Training sollte man nicht nur als Training begreifen wie in anderen Sportarten, sondern als Dienst an sich selbst. Der Unterschied ist: Wenn ein Training ausfällt, weil man zu einer Party geladen ist, der Bruder heiratet oder die Freundin Geburtstag hat, das ist nicht weiter schlimm. Aber seinen Dienstpflichten nicht nachzukommen, das ist unentschuldbar. Der Begriff Training passt nicht ganz für das, was wir eigentlich dadurch erreichen möchten.

4. Jungen Menschen, die ehrgeizig sind, die im Wettkampf erfolgreich sind, möchte ich raten, sich ein tertium comparationis zu suchen. Damit meine ich, noch etwas Anderes zur eigenen Ausbildung heranzuziehen. Es gibt das Kendo und es gibt das Ego, die miteinander agieren. Daran kann ich mich weiterbilden, messen und austesten, aber ein Drittes als Vergleich zu den beiden anderen, das wäre nicht schlecht. Das kann alles sein. Irgendetwas, was sonst keiner macht. Von Miyamoto Musashi, dem allseits bewunderten Schlagetot, sind leichte und geradezu zarte Tuschezeichnungen überliefert.  Wer aus einem Granitblock eine Statue schnitzt, der schafft etwas unter unglaublichen Mühen, Anstrengungen und Zweifeln, was ihn stärker werden lässt. Das meine ich mit einem „tertium comparationis“. Aber was dieses Dritte ist, das muss jeder selbst herausfinden. Bei mir war es der Jakobsweg.

5. Der letzte Punkt ist meiner Meinung nach der wichtigste für die jungen Leute: Geht und findet durch Kendo Freunde fürs Leben!


NRW Kader gewinnt deutsche Kendo Mannschaftsmeisterschaften 2021!
geschrieben von Markus Muschol am 26.09.2021 in Kategorie Turniere

Bei der deutschen Kendo Meisterschaft 2021 konnte sich das NRW Kader zum ersten Mal seit 2000 wieder den Titel der Mannschaftsmeisterschaft der Herren sichern.

Das Herren Team NRW 1 mit Fabian, Malte, Liam, Max und Kei bezwang Berlin knapp im Finale und erreichte den ersten Platz.


40 Jahre NWKV - Yukio Shimizu
geschrieben von Maximilian Ernst am 13.09.2021 in Kategorie News

Interview mit Yukio Shimizu, Kendo 7. Dan

das Interview führte Malte Heinrichs

 

M: Heute ist Mittwoch, der 30. Juni 2021. Ich sitze hier mit Shimizu-Sensei bei ihm zu Hause. Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für das Interview genommen haben.

Y: Sehr gerne.

M: Seit wie vielen Jahren machen Sie Kendo?

Y: Ich habe in Japan mit 17 Jahren acht Monate lang Kendo gemacht, aber wirklich angefangen habe ich in Deutschland 1975. Also 46 Jahre.

M: Wie sind Sie damals zu Kendo gekommen? Sowohl in Japan als auch in Deutschland.

Y: In Japan wurde ich dazu gezwungen, Kendo zu machen. In Deutschland habe ich zu dem Zeitpunkt, als ich mit Kendo wieder angefangen habe, seit sechs Jahren gelebt und habe dann festgestellt, dass ich meine japanische Identität verliere. Deswegen habe ich gedacht, dass ich wieder etwas mit Bezug zu Japan machen möchte und habe mich an meine Kendo-Zeit in Japan erinnert. Dann bin ich in Pforzheim zur Judo-Gruppe gegangen und habe dort eine Kendo-Abteilung eröffnet.

M: Obwohl Sie damals in Japan dazu gezwungen wurden, wollten Sie wieder Kendo machen?

Y: Ja, so ist das. Im Leben weiß man nie, wohin diese Zufälle führen. Und der damalige Präsident der Pforzheimer Judo-Gruppe hat sofort gesagt „Ja, das machen wir“ und so habe wir dann direkt anfangen können. Damals haben sehr wenige Leute in Deutschland Kendo gemacht. Ungefähr 40 aktive Kendoka in ganz Deutschland gab es. In Berlin, Wiesbaden, Mannheim, Stuttgart und wir haben dann in Pforzheim angefangen. Damals kannte wirklich jeder jeden. Ich kann immer noch aufzählen, wer von damals noch immer Kendo macht. Wolfgang Demski, Rainer Jättkowski, Paul-Otto Forstreuter, Dieter Ott, Bernd Klein und Jochen Nover.

M: Welche anderen Sportarten haben Sie gemacht?

Y: In Japan habe ich mit zehn Jahren mit Baseball angefangen und bin dann an eine Highschool mit einem sehr starken Baseball-Club gegangen. Bis ich 17 war, habe ich Baseball gespielt, dann habe ich mich verletzt und hatte danach Angst vor dem Ball und musste deshalb aufhören. Und danach hat mich dann mein Klassenlehrer gezwungen, Kendo zu machen. Er meinte, ich solle in eine andere Richtung gehen.

Und ich bin viel Ski gefahren. Mein Bruder hat mich immer zum Skifahren mitgenommen, seit ich zwölf oder 13 Jahre alt war. Deswegen bin ich eigentlich auch nach Deutschland gekommen. Um Skilehrer zu werden. Aber dann bin ich nicht österreichischer, staatlicher Skilehrer geworden, sondern habe einen Schein als Lehrer an einer deutschen Skischule gemacht.

M: Was ist mit anderen Budo-Disziplinen? Judo, Iaido, Jodo?
Y: Unter Shiiya-Sensei habe ich auch noch ein bisschen Jodo gemacht, aber sonst nichts anderes.

M: Wer sind oder waren Ihre Vorbilder im Kendo?

Y: Ursprünglich habe ich mich auf den sportlichen Aspekt von Kendo konzentriert. Mit der Zeit bin ich dann vielen verschiedenen Lehrern begegnet und habe Literatur gelesen und habe dadurch angefangen zu denken, dass viel eher die Persönlichkeitsentwicklung wichtig sei.

M: Also sehr nah an Kendo-Rinen?
Y: Genau. Kendo-Rinen wurde 1975 von der japanischen Kendo-Föderation veröffentlicht. Bis dahin entwickelte sich Kendo auch in Japan hin zu einem Sport. Der Fokus lag nur auf dem Wettkampf. Deshalb haben einige Lehrer darüber nachgedacht und Kendo-Rinen geschrieben, um Kendo als Budo-Disziplin zu bewahren.

M: Also beispielsweise Ogawa Chuutaro Sensei (Kendo Hanshi, 9. Dan)?

Y: Ganz genau! Ich habe ihn zwar nicht persönlich kennengelernt, aber ich habe ihn beim Kyoto Enbu Taikai gesehen. Wie er steht.

M: Er hat also seinen Eindruck hinterlassen?
Y: Ja, aber damals 1979/1980 war ich selbst noch Anfänger. 2. oder 3. Dan. Da habe ich noch nicht ganz verstanden, was er gemacht hat. Aber an das Bild, was ich von ihm im Kopf habe, denke ich bis heute zu. Darüber hinaus waren die Bundestrainer seit 1979 meine Vorbilder, von denen ich viel gelernt habe. Seit 1992 bin ich dann auch regelmäßig nach Japan geflogen und habe viel beim Kyoto Enbu Taikai zugeschaut und dort viele Kendoka kennengelernt. Besonderen Einfluss auf mein Kendo hatte Ueda-Sensei (Kendo Kyoshi, 7. Dan). Durch die Begegnung mit ihm habe ich ein anderes Bild von Kendo bekommen. Damals wollte ich eigentlich selbst beim Kyoto Enbu Taikai mitmachen, aber er sagte, ich solle nicht mitmachen, sondern besser beobachten. Mitori-Geiko. Deshalb habe ich dann jedes Jahr aufmerksam zugeschaut und anschließend mit Ueda-Sensei gesprochen, was mir besonders positiv aufgefallen ist. Dadurch habe ich viel gelernt.

M: Diese Gelegenheit bietet er ja auch bei seinem Lehrgang in Deutschland, wenn er die Leute ab 6. Dan untereinander Keiko machen lässt und der Rest aufmerksam zuschauen darf.
Y: Ja, seine Lehrmethodik ist etwas anders. Er hatte auch einen sehr guten Lehrer und sehr gute Kendo-Kollegen. In seiner Jugend war er auch aktiv und sehr erfolgreich im Wettkampf. Heute unterrichtet er daher sehr pädagogisch. Er war Professor für Sportwissenschaft an der Keio-Universität, hat dort auch Kendo gelehrt und kennt die Hintergründe. Er betrachtet Kendo in drei Aspekten. Als Hobbysport für allgemeine Gesundheit und Spaß, für Wettkämpfer und Ambitionierte als technischen (Leistungs-)Sport und als pädagogisches Werkzeug.

M: Er setzt sich also für eine breite Betrachtungsweise von Kendo ein und dafür, dass alle Kendo so betreiben sollen, wie sie es selbst möchten?

Y: Genau. Egal ob man Kendo aus sportlichen Gründen betreibt, als Budo-Disziplin oder nur, um Spaß zu haben, das ist alles okay. So wie auch im normalen Leben sollten alle selbst entscheiden, wie sie Kendo betreiben möchten. Das sehe ich genauso wie Ueda-Sensei.

M: Und wem möchten Sie gerne danke sagen aus Ihrem Kendo-Leben?

Y: Zunächst einmal sämtlichen Präsidenten des Deutschen Kendobunds. Wolfgang Demski, Rainer Jättkowski, Detlef Viebranz und jetzt Uwe Kumpf für Ihre organisatorischen Mühen, die sie sich für uns gemacht haben. Natürlich auch bei allen Bundestrainern, die nach Deutschland gekommen sind, um hier Kendo zu lehren, und bei der Zen Nihon Kendo Renmei und allen Personen, die daran mitwirken, dass jährlich Bundestrainer nach Deutschland kommen und uns helfen. Und bei meinem Kendo-Umfeld. Allein kann man kein Kendo machen. Meine Kendo-Kollegen sind für mich sehr wichtig.

M: Welcher Kendo-Moment, an den Sie sich erinnern, war für Sie besonders?

Y: Wenn ich Kendo sehe, gibt es manche Tachiai oder Wettkämpfe, bei denen die Kontrahenten eine sehr große, intensive Spannung aufbauen und dann einen hervorragenden Ippon schlagen. Dann denke, dass beide gut harmoniert und sehr ehrlich gekämpft haben. An drei erinnere ich mich noch sehr gut. Einmal vor vielen Jahren beim Kyoto Enbu Taikai waren das Nakakura Kiyoshi-Sensei und Ogawa Chuutaro-Sensei, beim Kyoto Enbu Taikai 2012 Sakudo-Sensei und Masago-Sensei und neulich beim Tokyo Kendo Festival Ujiie-Sensei. Diese Kämpfe sind mir besonders in Erinnerung geblieben auf Grund ihrer sehr intensiven Spannung, dann gab es eine Lücke, die dann mutig ausgenutzt wurde und in einem Ippon endete. Das ist faszinierend. Ein bisschen wie beim Autofahren und dann kommt es plötzlich zu einem Unfall.

M: Nur unangenehm.

Y(lacht): Ja, das ist unangenehm. Aber so intensiv und spannungsgeladen sollte Kendo sein. Aber wir klauen oft Punkte und sind nicht zu 100 Prozent vorbereitet. Aber wenn man so ehrlich und spannungsgeladen Men schlagen kann, das ist schön.

M: Hatten Sie jemals eine Kendo-Krise, eine Pause oder eine Verletzung, die Sie vom Kendo abgehalten hat?
Y: Nur unfreiwillig von 1982 bis 1984, als ich mein Haus umgebaut habe. Aber als das Haus dann fertig war, dachte ich, nächste Woche gehe ich zum Keiko. Bin ich dann aber nicht. Ich dachte wieder, nächste Woche gehe ich zum Keiko und bin wieder nicht hin. Da habe ich etwas gezögert, weil ich so lange kein Kendo gemacht hatte. Das war für mich eine interessante Erfahrung. Und dann bin ich doch einfach wieder zum Keiko nach Köln gefahren. Aber während der zwei Jahre habe ich praktisch nur mit Hammer und Nagel Kendo gemacht.

M: Letzte Frage: Was möchten Sie der jungen Generation Kendoka sagen?

Y: Eigentlich möchte ich nicht sagen, „macht das so“. Im Leben ist nicht nur Kendo wichtig. Das Leben selbst ist wichtig, aber ich finde, Kendo hilft im eigenen Leben.

M: Dann vielleicht nicht als Appell, sondern als Tipp oder als Wunsch, wie sich Kendo entwickeln soll?

Y: Dann denke ich, dass sich Jugendliche nicht zu exzessiv auf den Wettkampf fokussieren sollten. Wettkämpfe sind auch wichtig, aber noch wichtiger ist, ein gutes Fundament aufzubauen. Nicht, die Leute schnell ausbrennen zu lassen. Kendo sollte man im Idealfall ein Leben lang betreiben. Aber in Japan hören die meisten nach der Highschool auf, weil sie so oft so hart trainieren mussten und keine Freizeit mehr hatten, um persönlichen Interessen nachzugehen. Nur Kendo. Das ist schade. Auch in Deutschland, wenn Leute viel Zeit und Mühe in Kendo investiert haben und dann aufhören. Das halte ich für besonders wichtig. Nicht nur Kendo beizubringen, sondern durch Kendo etwas für das Leben beizubringen. So kann mein Kendo zusammen mit meinem Leben wachsen und parallel laufen wie die Räder eines Autos. Dafür sollte die Jugendzeit im Kendo Spaß machen, dann kann man auch bis 60, 70 und darüber hinaus weitermachen und Spaß an Kendo haben.

M: Da sind Sie ja auch das beste Beispiel. Sie werden bald 74 Jahre alt und haben bis heute zu Spaß daran, Kendo zu machen und zu unterrichten.

Y: Ja, Gott sei dank! Ich bin gesund und ich habe einen sehr schönen Kreis mit guten Kendo-Kollegen. Darüber bin ich sehr froh! Und darüber, dass mir meine Familie die Zeit einräumt, dass ich Kendo machen kann. Ich weiß nicht, wie lange ich noch weitermachen kann, aber ich hoffe noch auf lange Jahre.

M: Das hoffen wir auch! Vielen Dank!

Y: Dankeschön!


40 Jahre NWKV - Thomas Plau
geschrieben von Kei Sallmon am 01.09.2021 in Kategorie News

Thomas Plau, 1. Vorsitzender des NWKV - 3. Dan

das Interview führte Liam Lesch


Kendo

Thomas Kampfsport-Werdegang beginnt mit einer Kampfkunstaufführung der Taekwondo-Koryphäe Kwon Jae-Hwa. Davon beeindruckt, macht Thomas die ersten Schritte in die Kampfkunst: Mit 7 beginnt er mit Jiu Jitsu, ab 11 Jahren trainiert er Taekwondo nach Kwon Jae-Hwa. Hier durfte er sich eine ganze Weile, auch ziemlich erfolgreich, austoben. Bishin zum Vize Europameister Junioren im Freikampf, Europameister Formen und Bruchtest Junioren. Mit 15 begann Thomas parallel mit Bo-und Hanbo Jutsu. Ab Mitte 20 startete er, für rund 10 Jahre, mit WingTsun und Wing Chun, um dann seit 2000 seine Heimat im Kendo zu finden. 2014 wurde er zum Schatzmeister und 2020 zum Präsidenten des NWKV gewählt.


Interview-Reihe anlässlich 40 Jahre NWKV
geschrieben von Kei Sallmon am 10.08.2021 in Kategorie News

2021 feiert der NWKV sein 40-jähriges Bestehen. Wir haben dies zum Anlass genommen, mit Persönlichkeiten aus ganz NRW über die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft von Kendo in NRW zu sprechen. Dabei sind sehr interessante Gespräche voller Anekdoten, persönlicher Erfahrung und wertvollen Tipps entstanden, die wir euch nicht vorenthalten wollen. Ab August veröffentlichen wir nun jeden Monat ein Interview.


Kadertraining und Teambildung
geschrieben von Thomas Plau am 28.06.2021 in Kategorie News

Hallo Zusammen!

Jetzt, wo das gemeinsame Training endlich wieder los geht, wollen wir auch wieder mit dem offline Kadertraining und der Teambildung beginnen.

Wer 18 Jahre oder älter ist und Interesse hat, Kadermitglied des NRW Kendoverbandes zu werden, meldet sich bitte bei Thorsten Mesenholl unter kader@nrwkendo.de .

Jugendliche bis einschließlich 17 Jahren, melden sich bei Andres Izquierdo unter jugendleitung@nrwkendo.de

2021 wurde die erste Herrenmannschaft Deutscher Mannschaftsmeister und die Damenmannschaft wurde 3. bei den Deutschen Meisterschaften 2021.

Das ist nur möglich, weil wir tollen Kendo Nachwuchs in NRW haben. Bitte meldet Euch bei uns, damit Ihr den Erfolg in die nächsten Jahre weitertragen und ausbauen könnt!


<< 123456789 >>